Tagebuch der Ann Sjoberg, einer Schwedin in Algerien
Chawki Amari
Algerischer Journalist und Schriftsteller.
Er schreibt Chroniken für die Zeitung El watan (Point zéro) und neuerdings für die online-Zeitung TSA (Tout sur l'Algérie) - "Le journal d'Ann Sjoberg, une Suédoise en Algérie" und "La rencontre du lundi"
Jedes Jahr veröffentlicht er auch einen Sommer-Roman in El Watan - "Le voyage de Nouredin et Nora", usw.
Foto Privat - Maghreb des livres, Paris 2007
Seit dem 16.04.2009 schreibt er wöchentlich das Tagebuch der Ann Sjoberg. Die Meinungen der algerischen LeserInnen sind geteilt, es reicht von größter Begeisterung bis zur schlimmsten Kritik.
_____________________________________________________
Hier die Übersetzung des Tagebuchs
So aufgefunden, vergessen auf einem Computer in einem Internet-Café
Chawki Amari
__________________________________________________
16/04/2009
Lieber Björn,
wie versprochen, schicke ich dir mein Tagebuch :
Es ist nicht einfach, sich an dieses Land zu gewöhnen. Am Donnerstag, 09. April, d.h. letzten Donnerstag, hat eine Präsidentschaftswahl stattgefunden. Natürlich hat ein Mann gewonnen, mit einem Ergebnis, von dem man in Schweden nur träumen könnte, und außerdem ist er sehr alt. Bevor ich hierher kam – im Rahmen der Zusammenarbeit -, hatte ich mich informiert und bei google erfahren, dass 70% der Algerier unter 30 Jahren alt sind, davon 55% Frauen. Seltsam... gibt es in diesem Land ein statistisches Amt ? Und wenn ja, informieren sich die Entscheider überhaupt dort ? Ich werde mich erkundigen und dir Bescheid sagen.
Zwei Tage später habe ich durch die Zeitungen erfahren, dass einige Bomben hier und dort explodiert seien und viele menschen getötet wurden. Warum töten die Algerier andere Algerier ? Ich habe versucht, mich bei einem Algerier zu erkundigen, aber er wollte mich gleich heiraten. Warum heiraten ? Ist es eine hiesige Willkommen-Sitte oder ist es etwas anderes ? Also habe ich versucht, mich bei einer Algerierin kundig zu machen, aber sie hat mich auch gleich gefragt, ob ich ihren Sohn heiraten möchte. Da bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie zu alt ist, und wenn ich dieses Land besser verstehen will, sollte lieber ich mit jüngeren Personen reden, die sind normalerweise modern. Aber es hat scheinbar keinen Zweck, denn die junge hübsche moderne Frau, die ich angesprochen habe, fragte mich auch gleich, ob ich ihren arbeitslosen Bruder heiraten möchte. Was bedeutet wohl dieses Heiratssyndrom ... ?
Drei Tage später las ich in den Zeitungen, dass die Verkehrsunfälle jährlich 5000 Tode verursachten und jeden dritten Tag versucht ein Jugendlicher, Selbstmord zu begehen. Warum müssen so viele Algerier sterben ? Ich frage mich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt mit alten Legenden und mit Puppen in einer anderen wundervollen Welt, oder hat das einen anderen Grund ? Ich werde mich erkundigen.
Gestern hat mich ein Mann auf der Straße beschimpft. Ich verstehe zwar kein Arabisch, obwohl ich einen Arabisch-Kurs besucht habe, bevor ich hierher kam, aber ich habe trotzdem verstanden, dass es eine Beschimpfung war, denn er hat auf mich gespuckt und gleichzeitig böse Worte gesagt. Ich weiß nicht genau, aber ich habe gelesen, dass es bei einigen Stämmen in Amazonien ein Symbol der Fruchtbarkeit ist, wenn man auf Frauen spuckt, ist es in Algerien auch der Fall? Ich muss unbedingt mit einem Ethnologen darüber reden und es dir erklären.
Offiziell bin ich hier für eine Woche, im Rahmen der Zusammenarbeit, um den algerischen Banken beizubringen, wie man kurzfristige Kredite managet. Aber ich will nicht mehr weg von hier, Björn. Das ist wirklich ein merkwürdiges Gefühl.
Ich schreibe nächste Woche weiter. Nun muss ich schnell heim, weil es schon dunkel ist. Ja, ich habe festgestellt, dass es hier auch so eine Sache ist, die mit der Dunkelheit, sobald es dunkel wird, sind nur noch Männer auf den Straßen, und diese Männer sind sehr böse. Vielleicht ist es auch so ein Ritual in Zusammenhang mit der Sonne ? Ich werde dir darüber berichten, wenn ich etwas mehr erfahre. Bis nächsten Donnerstag.
Übersetzung: Annissa Kahla
_________________________________________________________
23.04.2009
Lieber Björn,
wie versprochen, anbei mein Tagebuch der Woche:
Als ich dir letze Woche mein Tagebuch schicke habe, konnte ich nicht ahnen, dass die Leser so heftig reagieren würden. Ich habe ziemlich harte Kritiken bekommen, von denen ich kaum etwas verstehe. Ich wurde von vielen Menschen beschimpft., aber ich habe festgestellt, dass die meisten Männer waren, vor allem welche aus Vancouver, was ich auch nicht so verstanden habe. Warum aus Vancouver ? Falls diesem Vancouverer (ich weiß nicht, wie man Algerier nennt, die in Vancouver leben) die Tatsachen nicht gefallen, die ich beschreibe, warum lebt er denn nicht in Algerien ? Dies bleibt eh ein Geheimnis für mich, aber ich habe zumindest verstanden, dass diejenigen, die Algerien am heftigsten in Schutz nehmen, im allgemeinen nicht hier leben. Es ist ein Paradox, sie mögen nicht, dass man aus fremder Sicht über Algerien redet, aber sie selbst sind nicht bereit, nach Algerien zurückzukommen und hier zu leben.
Gestern Abend habe ich einen Landsmann aus Schweden auf einer Party getroffen - so ein Zufall ! -, ich habe ihn an seinem Akzent wiedererkannt. Wir haben darüber gesprochen. Natürlich haben wir in Schweden auch nicht all unsere Probleme gelöst, Björn, und ich selbst bin hier, um wieder einen Sinn für mein Leben zu finden, vor allem seitdem du mich mit deinem Nachbarn betrogen hast, was ich dir sehr übel genommen habe. Aber das weißt du ja. Auf jeden Fall habe ich das niemandem hier erzählt, es wäre hier schwer zu erklären. Ich habe auch festgestellt, dass es nicht einfach ist, eine Blondine in Algier zu sein, obwohl sich viele Algerierinnen die Haare blond färben, nur, sie haben damit nicht so viele Probleme wie ich. Warum ? Weil ich eine Richtige bin ? Ich weiß nicht genau, aber es scheint ein Problem zu sein mit der Authentizität hier, als ob man immer so tun müsste, al ob... und nur manchmal nicht tun, als ob... Was meinst du... soll ich mir die Haare dunkel färben ?
Vorgestern habe ich einen interessanten Mann getroffen in einem der wenigen Lokale, wo eine Frau allein reingehen kann, ohne von den Antiterrorbrigaden verhaftet zu werden. Ich habe zwei Bier getrunken, und ein Mann hat sich zu mir gesetzt, ohne dass ich ihn dazu gefordert hatte. Er sah nett aus und hat sich als Raumfährenpilot vorgestellt, was mich ein bisschen überrascht hat. Danach haben wir über die Sexualität der algerischen Frauen geredet, und er schien das Thema gut zu beherrschen. Ich hätte ihm gern gesagt, dass ich sexuell ziemlich unglücklich bin, aber ich habe mich zurückgehalten, weil ich die hiesigen gesellschaftlichen Codes noch nicht kenne. Auf jeden Fall scheinen die Algerierinnen freier zu sein als ich, was ziemlich paradoxal ist.
Der Mann, der mir später mitteilte, er sei ein in Italienisch promovierender Ingenieur (was soll das bedeuten?) hat mir ein Getränk spendiert, und eine Stunde später wollte er mich heimbringen, aber ich hatte eher den Eindruck, er wollte mich zu sich mitnehmen, damit ich ihn begleite. Siehst du, Björn, das hat mich nicht zu sehr gestört, ich sehe ja noch gut aus. Ich habe trotzdem höflich abgelehnt, und ich glaube, das hat ihm nicht gefallen. Nur, ich verstehe überhaupt nicht, warum er mir gedroht hat, mich bei der Einwanderungsbehörde zu denunzieren, und er selbst sei ja ein Grenz-General-Major (was ist das, ein Grenzen-General-Major ?), als ich ihm sagte, dass ich nicht zu ihm gehen kann. Warum diese Drohung, obwohl ich gültige Ausweispapiere habe, habe ich ihn gefragt. Er hat geantwortet, dass er meine Papiere zerreißen könnte, so wie er in der Lage ist, auch mich zu zerreißen. Ich verstehe nicht, wie man einen Menschen zerreißen kann, aber ich werde mich mit der Frage beschäftigen und dir mehr darüber berichten. Ich entdecke... Bis nächsten Donnerstag.
Übersetzung: Annissa Kahla
____________________________________________________________
Teil 3
30/04/2009
Lieber Björn,
Liebe Björn, ich sende dir mein Tagebuch für die vergangene Woche
So, ich wohne nicht mehr im Hotel, ich habe endlich eine Wohnung gemietet, in einem der vornehmen Viertel von Algier, aber zu einem horrenden Preis, teuer als in Stockholm, was sehr erstaunlich ist. Außerdem hat der Besitzer verlangt, dass ich die Miete für die nächsten 20 Jahre im Voraus zahle, und er meinte das sehr ernst. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich nur ein Jahr bleibe, für die Zeit meines Auftrags für die Hardware-Kontrolle, war er einstanden, dass ich nur für ein Jahr vorauszahle. « Aber nur, weil SIE es sind »hat er mir gesagt. Obwohl er mich überhaupt nicht kennt. Also, das Immobiliengeschäft ist ziemlich merkwürdig hier. Auf jeden Fall ist die Wohnung konfortabel und gut ausgestattet, Telefon, Kühlschrank, Gefrierschrank, Waschmaschine, Fernseher und eine Aussicht über die Stadt. Auf dem Balkon steht eine große Zisterne, nur ich weiß noch nicht, wozu sie zu gebrauchen ist, vielleicht ist sie mit Erdöl gefüllt, kann es sein, dass die Algerier Erdöl für harte Zeiten hamstern? Ich glaube, sie hat eher etwas mit Wasser zu tun, denn es gibt einen fürchterlichen Krach jedesmal, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe. Ich muss mit dem Besitzer darüber reden.
Sonst ist alles ganz toll, der Fernseher ist sehr modern, mit einer Art DVD-Player ohne DVDs, ich glaube, das nennt man einen Dämon, wie mir der Besitzer gesagt hat. Auf jeden Fall kann man tausende von Sendern empfangen, und sogar schwedische Sender, so werde ich mich fast wie zu Hause fühlen. Der Besitzer hat mir auch erzählt, dass ich mir keine Sorgen machen soll, es gibt nur saubere Sender. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen, was saubere Sender sind, waschen sie sie vor den Sendungen ? Ich werde mich über dieses Thema informieren, ich habe festgestellt, dass die Häuser und Wohnungen hier sehr sauber sind und alle gleich riechen, nach duschawil, so wie man mir gesagt hat, ich weiß nicht, was das ist, aber ich muss es auch kaufen, auch wenn es ziemlich stark nach Chemikalie riecht.
Auf jeden Fall hat mein Einzug hier sehr gut geklappt. Die Nachbarn haben mich sehr freundlich empfangen, und einer von ihnen hat mir sogar angeboten, meine Unterwäsche zu waschen. Ich habe ihm gesagt, dass dass ich eine Waschmaschine habe, aber er war der Meinung, ich sollte sie lieber nicht benutzen, denn sie würde die dschnoun anrufen, das habe ich nicht verstanden, aber vielleicht sind die Waschmaschinen mit dem Telefon verbunden ? Kurz und gut, die Nachbarn sind sehr nett und sie haben mir Kuskus gebracht, weißt, dieses leckere Nationalgericht, der sehr hungrig macht, kurz nachedem man es gegessesn hat, wie ein Aperitiv.
Erinnerst du dich, Björn, ich hatte dir letzte Woche von falschen Blondinen und echten Brünetten ? Auf den Rat meiner Nachbarin habe ich eine völlig andere Entscheidung getroffen und mir die Haare rot gefärbt, mit Henna, einer grünen Pflanze die orange wird und zu vielen Dingen nützlich ist, wenn ich das richtig verstanden habe, und vor allem zum Heiraten. Nein, nein, keine Angst, ich werde nicht heiraten, obwohl meine Nachbarin darauf bestand, mir ihren Sohn vorstellen wollte, ihrer Meinung nach eine gute Partie, arbeitslos zwar, aber er hat einen Antrag bei der ANSEJ gestellt, um Chef einer politischen Partei zu werden. Ich muss mich unbedingt über diese ANSEJ informieren, ich weiß noch nicht, was das ist, aber es scheint eine Art politischer Schnellkurs für junge Leute, um eine demokratische Grundkultur zu propagieren. Ich erzähle dir mehr darüber nächste Woche.
Übersetzung: Annissa Kahla__________________________________________________________________________________________________
Teil 4: 07/05/2009
Lieber Björn,
anbei mein Tagebuch der vergangenen Woche
Ich bin jetzt drei Wochen hier; am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, dieses seltsame Volk zu entschlüsseln, das nur von Codes, kodieren, dekodieren und ich weiß nicht von welchen „Demos“ oder zu dekodieren Handys, aber ich fange langsam an, die Algerier zu verstehen. Sie wollen gleichzeitig alles und nichts, es ist sehr originell. Sie wollen leben, zum Mond fliegen, Arzneien gegen die Langeweile erfinden, vieles tun, aber gleichzeitig wollen sie sterben, Schluss machen, Selbstmord begehen, viele andere töten und lehnen die Mittel, die die Menschheit seit 10.000 Jahren fürs Leben zur Verfügung gestellt hat.
Hier scheint alles viel komplizierter, und ich habe mir noch nie so viele Fragen über den Menschen gestellt, bevor ich hierher kam. Ein Beispiel: Diese Woche hat mir meine Nachbarin Nadschet eröffnet, dass ich zwar hübsch sei, blond wie es die November-Rechtsprechung es verlangt, da habe ich den Zusammenhang zwischen November und blond sein nicht verstanden, aber kurz und gut, sie hat mir schließlich mitgeteilt, dass ich nicht weiblich genug bin. Also haben wir Algier-city sightseeing aus Frauensicht gemacht, sie hat mich zum Hammam gebracht, dann zur Friseurin und schließlich zur Kosmetikerin; sie wollte, dass ich mich ausziehe, damit sie mich enthaaren kann. Ich hatte zuerst ein Problem damit, aber dann habe ich mich wohl gefühlt, denn es war alles natürlich und ohne falsche Scham.
Am späten Nachmittag fühlte ich mich sehr weiblich, und zugleich weit entfernt vom Mann, und das war der Zweck des Spiel, wie Nadschet es mir erklärt hat. Siehst du, Björn, das Problem ist, ich habe mich noch nie so weiblich gefühlt wie jetzt in Algier, und ich hatte es nie nötig gehabt. Natürlich, wie Sarah, die Friseurin sagt, eine echte Brünette und ehemalige blondgefärbte Rothaarige, die eh nicht Sarah heißt, ja, die Männer sind Machos, böse, frauenfeindlich, grausam und gewalttätig, aber wir werden ihnen nicht die Freude machen, weniger weiblich zu sein. Sie erwarten von uns, dass wir nicht so weiblich und nicht so sichtbar sind, aber paradoxerweise weiblicher und attraktiver.
Wie du siehst, Björn, ist alles durcheinander in meinem Kopf, Frau, mann, Algerierin oder Schwedin, ich weiß es nicht mehr so genau. Und stell dir vor, Sarah, die Friseurin, hat mir erzählt, dass Algerien von einer Frau regiert war, der Mutter des jetzigen Präsidenten. Ja, Friseurinnen sind dafür bekannt, viele Gerüchte in die Welt zu setzen, vor allem, was das Wachstum der Haare betrifft, den homosexuellen politischen Serail, die Haartönungen, die unfruchtbar machen, aber es schien mir, dass sie die Wahrheit sagte. Ich werde mich über das Thema Sexualität in Algerien informieren und dir mehr darüber mitteilen. Auf jeden Fall habe ich mich noch nie so weiblich gefühlt. Und auf einmal gefallen mir die Männer hier. Sogar dieser lästige Nachbar, der mich ununterbrochen einlädt, um seine Vögel zu enthäuten. Ich glaube, ich werde seine Einladung annehmen. Ich erzähle dir alles das nächste mal.
_______________________________________________________________
Teil 5: 14/05/2009
Lieber Björn,
anbei mein Tagebuch der vergangenen Woche
Zurzeit läuft alles gut in Algier. Es ist sehr heiß in letzter Zeit, aber wie mein Nachbar immer sagt, es ist nur aus politischen Gründen. Ich habe festgestellt, dass die Leute in Algier sich sehr für Politik interessieren.Ein bisschen zu sehr, habe ich den Eindruck, und sie haben einen Ausdruck, um alles zu erklären, sie sagen bei jedem Ereignis „es ist geplant“, egal ob es sich um ein Erdbeben, eine Preiserhöhung oder eine Demonstration. Ich verstehe das nicht sehr gut, aber es scheint mir, dass ein Planungsministerium alles organisiert und in der Lage ist, schönes Wetter oder Regen, Arbeit oder Arbeitslosigkeit zu erzeugen.
Aber kurz und gut, bei dieser Hitze habe ich beschlossen, zum Strand zu gehen, was ich auch getan habe, dank eines Kollegen, der mich mitgenommen hat. Wir sind zu einem Strand westlich von Algier, Sidi Fredj, da wo die Franzosen gelandet sind*, hat mir mein Kollege erzählt, und ich dachte, sie wären ganz normal mit dem Flugzeug gekommen. Mein Kollege hat mir auch erklärt, dass die Algerier, im Gegensatz zu den Franzosen, in den Westen, nach Europa wollen. Aber in Booten, es ist sicherlich eine finanzielle Frage. In der Tat, die Algerier lieben das Meer so sehr, dass sie ab und zu in kleine Boote steigen, um nach Europa zu fahren**, sie sind sehr gute Seefahrer. Aber diese Sportart scheint verboten zu sein, denn ich habe irgendwo gelesen, dass diese jungen Seefahrer im Gefängnis landen, wenn sie dabei erwischt werden.
Nun gut, die Wassertemperatur war sehr angenehm, obwohl der Strand ein bisschen dreckig war. Mein Kollege hat mir erklärt, dass die Algerier in der Nebensaison Plastiktüten in den Sand pflanzen, es soll eine Art Bauerntradition sein, aber ich habe den Sinn dieser symbolischen Befruchtung, und vor allem, was wird geerntet? Tütchen? Ich weiß es nicht, und mein Kollege hat es nicht für nötig gehalten, mir das ausführlicher zu erklären. Eine Stunde später habe ich festgestellt, dass ich die einzige Frau mit einem Badeanzug war, und ich habe verstanden, dass die Algerierinnen eine sehr empfindliche Haut haben, sie vermeiden die Sonne, deshalb haben sie eine so weiße Haut, obwohl wir in Afrika sind, wenn ich das richtig verstanden habe. Sie schwimmen, gekleidet von Kopf bis zu den Füßen, die Fische müssen sich sehr fürchten, deshalb sind sie so teuer und Algerien gezwungen ist, Sardinen aus Tunesien zu importieren, nachdem was ich gelesen habe.
Naja, da ist meine Sicht der Dinge, ich weiß es nicht hundertprozentig. Auf der Rückfahrt hat mich mein Kollege in einem kleinen lauten Dorf eingeladen, wo wir Lammspieße mit Majonnäse, eine hiesige Spezialität, gegessen haben, danach hat er darauf bestanden, dass ich zu ihm gehe um zu duschen. Ich habe höflich abgelehnt, indem ich Sarahs (meiner Freundin der Friseurin) Argument benutzt habe, ich müsse eine Wachs-Enthaarung machen. Er hat nicht insistiert, aber auf der Rückfahrt im Auto hat er viel über Religion gesprochen und die „letzte Stunde“, da müsste ich für alles bezahlen, was ich angestellt habe. Ich war sehr müde und habe den Zusammenhang nicht verstanden. Ich erzähle dir weiter bei Gelegenheit.
____________________________________________________________________
* 1830
** Harraga
__________________________________________________________________
Teil 6: 21/05/2009
Lieber Björn,
anbei mein Tagebuch der vergangenen Woche
Es ist sehr heiß, aber wirklich heiß. Im Vergleich zu Schweden entspricht diese Hitze der unserer Backöfen, wenn wir Kuchen backen. Obwohl hier alles ziemlich „roh“ aussieht, sowohl die Realität als auch das Leben, und ich finde die Algerier und die Algerierinnen auch ziemlich roh, sprich unverblümt, im Allgemeinen. Aber naja, da es wirklich heiß ist, 500° sagt meine Nachbarin (welche Einheiten benutzen sie, um die Temperatur zu messen?), bin ich zum Swimmingpool eines großen Hotels der Hauptstadt, wie immer auf Rat meiner Nachbarin, ich kann ja nicht zum Strand gehen, da ich den Tauchanzug, den die Frauen zum Schwimmen tragen, noch nicht gekauft habe, und ich fühle mich fast nackt, wenn alle Leute beim Schwimmen Abendkleider tragen.
Im Schwimmbad, allerdings sehr teuer, fast so teuer wie ein Flugticket (ich glaube, weil das Wasser ein Mangelprodukt ist), habe ich meinen schwedischen Bekannten getroffen. Obwohl er nicht mehr der Jüngste ist, schwamm er mit einer 18jährigen jungen Frau und schien sich sehr wohl zu fühlen. Zuerst dachte ich, sie wäre die Tochter eines seiner Kollegen, aber nein, sie waren tatsächlich zusammen, in Schweden würde er deswegen ein Strafverfahren am Hals haben. Au jeden Fall war das Wasser so angenehm, dass Leute volle Kanister mitnahmen und immer wieder kamen, um sie neu zu füllen. Ich weiß nicht, warum, aber das Mädchen erklärte mir, dass es Leute sind, die ein Swimmingpool zu Hause aber kein Wasser haben, also kommen sie hierher, um welches zu holen. Ich glaube, sie machte Spaß, aber ich weiß noch nicht, wo die Realität aufhört und wo der Spott beginnt.
Bevor ich heim ging, lud mich mein schwedischer Bekannter zu einem Empfang in der Botschaft am Abend, und ich bin hingegangen. Es waren viele Leute da, und es war angenehm. Ich habe einen algerischen Minister getroffen, der in der Opposition ist, was ich nicht verstanden habe, da er noch im Amt ist. Seiner Meinung nach geht Algerien den Bach runter, wirtschaftlich und gesellschaftlich, und als ich ihn fragte, warum er noch Minister ist, hat er einfach geantwortet, dass es ein Zuverdienst sei. Björn, ich glaube, die Minister haben in Algerien kein politisches Amt, es ist wie ein großes Unternehmen, wo der Direktor auch Präsident ist. Auf jeden Fall habe ich in der Botschaft erfahren, dass schwedische Unternehmen große Verträge mit dem Betrieb-Algerien abgeschlossen haben, und sie schienen sehr zufrieden zu sein, denn ihre Manager, die ein bisschen angetrunken waren, meinten, Algerien wäre ein sehr großzügiges Land, auch wenn man man die Gewinne mit einem sogenannten Herrn Tschippa* teilen müsste, dessen Dienststellung ich nicht so gut verstanden habe. Ich muss mich erkundigen, wer dieser Mann ist, er scheint sehr wichtig zu sein, obwohl er auf keinem offiziellen Strukturplan steht.
Am nächsten Tag war ich nicht sehr fit, und ich bin nicht zur Arbeit gegangen, das ist hier überhaupt kein Problem. Es genügt, wenn man es sagt und dann entscheidet, nicht zu arbeiten. Meine Freundin Sarah hat mich zum Hammam mitgenommen, wo ich mich stundenlang entspannt habe, wie in der Sauna. Viel Frauen waren da, mehr oder weniger nackt, und die Älteren tasteten die Jüngeren ab, um den Wert der Waren zu überprüfen, wie Sarah mir lachend sagte. Ich habe nicht sehr gut verstanden, aber ich glaube, die Jüngeren bereiten sich auf einen olympischen Wettbewerb oder etwas in der Art. ja, eine Alte wollte mich auch abtasten, aber ich habe diesen Vorgang höflich abgelehnt. Dann hat sie mir gesagt, dass sie modern sei und hat mich mit ihrem Handy fotografiert. Ich fühlte mich nicht sehr wohl dabei, aber sie hat gesagt, sie sei irgendwie im Design-Geschäft. Auf jeden Fall war ich sehr sauber, als ich im Hammam fertig war, und auf dem Nachhause-Weg habe ich gedacht, dass Algerien ein sehr warmherziges Land ist, das wie ein reelles Facebook ist, wo man 500 Freunde in einer einzigen Woche gewinnen kann. Ich berichte dir mehr darüber nächste Woche.